Vincent van Gogh

Kurzbiographie

Vincent van Gogh, geboren 1853 in Zundert, Niederlande, gestorben 1890 in Auvers-sur-Oise bei Paris. Aus einer Kunsthändlerfamilie stammend, begann er zunächst selbst eine Kunsthändlerlehre, in wichtigen Kunsthandlungen in Den Haag und London, versuchte sich in vielen anderen Berufen, darunter einem protestantischen Theologiestudium und der Predigerrolle bei Minenarbeitern.

Vincent van Gogh, "Selbstproträt mit Pfeife und Bauernhut" (Foto: © Burkhard Maus)

Vincent van Gogh, „Selbstproträt mit Pfeife und Bauernhut“ (Foto: © Burkhard Maus)

1880 begann er, in ständigem Kontakt mit seinem Bruder Theo, der Galeriedirektor bei der wichtigsten Galerie dieser Zeit war, sein malerisches Werk, das nicht mehr als zehn Jahre währte, aber das Kunstgeschehen bis heute beeinflusst. In seinen letzten Lebensjahren war Vincent van Gogh in der französischen und internationalen Kunstwelt kein Unbekannter, vielmehr ein großer Geheimtipp.

Der Mythos vom „unbekannten Künstler“, der erst nach seinem Tod vom Kunstbetrieb entdeckt wird, wurde nachträglich geschaffen und hält den empirischen Forschungen nicht stand. Gerade in seinen wesentlichen Jahren stand Vincent van Gogh mit den besten Künstlern seiner Zeit, aber auch wichtigen Künstlern aus der zweiten Reihe in Kontakt.

Guillaume Bruères Zeichnungen nach Vincent van Gogh

Die 2014 auf Initiative der Schweizer Sammler Luc und Maja Hoffmann gegründete „Fondation Van Gogh“ in Arles konfrontiert das Werk mit aktueller Kunst unserer Gegenwart. Während der Arbeit an „Was kann Kunst?“ fragte ich den in Berlin lebenden Künstler Guillaume Bruère, der in der Eröffnungsausstellung prominent vertreten ist, ob das Werk von Vincent van Gogh für ihn als heutigen Künstler noch Bedeutung habe. Auszüge aus der Korrespondenz:

„Für mich ist Van Gogh der erste humanistische Maler (sonst muss man zur Höhlenmalerei zurückgehen), auch Mondrian hat damit zu tun.“

Guillaume Bruère

Guillaume Bruère (© Burkhard Maus)

Nun, wo es Fortschritte in der Anerkennung meiner Arbeit gibt und ich schon weniger in der ökonomischen Unsicherheit stehe, kann ich sagen, dass ich Van Gogh so viel verdanke (lange vor der Fondation, bzw. kommen das Interesse der Fondation und die Begegnung mit Bice Curiger (Direktorin der Fondation Vincent Van Gogh, Anm. d. A.) letztlich ohne jeden Zufall in mein Leben), weil während all dieser Jahre großer Einsamkeit, als ich mir die Malerei als Autodidakt in Berlin beibrachte, so wenig Mittel hatte usw., da habe ich im Gedanken an Van Gogh durchgehalten, indem ich ihn bat, mir zu helfen.

Absolut meiner Intuition zu folgen bedeutet einen langen und schwierigen Weg, der eine große Isoliertheit mit sich brachte, denn am Ende steht die Richtigkeit.

Es ist nicht gefahrlos, diesem Weg zu folgen, aber wenn man einmal entdeckt hat, dass es ihn gibt, kann man nicht mehr umkehren. An ihn zu denken ist ein wenig wie an Gott zu denken, in der Welt der Malerei.

Ich bin Anfang September in Zürich wo ich nochmals vor seinem Selbstporträt zeichnen werde, das mich so fasziniert (nach ihm habe ich bereits zehn Zeichnungen gemacht). Einmal landete ich in Berlin und dachte, wenn die gesamte Welt unterginge, würde diese Malerei bleiben.

Ich habe nach bzw. vor recht vielen wesentlichen Gemälden in unterschiedlichen Museen gezeichnet, aber ich finde, dass dieses Bild speziell sich vollständig von allen anderen abhebt. Es ist ganz klar sichtbar, wie es gemacht ist, aber vor allem anderen enthält es eine Humanität, für die ich kein Gegenstück finde. Es zu zeichnen (vielleicht jedes Jahr am gleichen Tag, denn zufällig habe ich das bei den ersten beiden Malen gemacht) könnte eine Hommane nicht an einen Übermenschen sein, sondern an einen wirklichen MENSCHEN.“ (Guillaume Bruère an den Autor, 30.1.2014, Übersetzung R.F.)

„Ich habe Laurent (Laurent Le Bon, neuer Direktor des Picasso-Museums in Paris, Anm. d.A.) gefragt, wann ich im Musée Picasso zeichnen kann. Das möchte ich seit Jahren, denn Picasso ist, mit Van Gogh, einer der wenigen Künstler, die zu den Bedeutendsten zählen (wie Dürer und auch Bacon, aber ein wenig mehr.“ [Guillaume Bruère an den Autor, 23.6.2014. Übersetzung R.F.])

Guillaume Bruère (GIOM), geb. 1975 in Châtelleraut, Frankreich, lebt in Berlin. www.giom.info sowie www.youtube.com/user/guillaumebruere

GIOM – Guillaume Bruère, 13. 09. 2011 – Kunsthaus Zürich – nach Vincent Van Gogh, 2011, Mischtechnik auf Papier, 70 x 50 cm. Sammlung des Künstlers.

Die Briefe

Wenn man die Tragweite der Idee der modernen Kunst und ihre Stellung zu unserer Gegenwart erfahren will, bleiben die Briefe von Vincent van Gogh eine Fundgrube. Die Korrespondenz zwischen den beiden Brüdern entstand zwischen 1878 und 1890 und verläuft damit parallel zum malerischen Werk von Vincent van Gogh. Der Briefwechsel Van Goghs mit Malerkollegen im kleinen Kreis der frühen Moderne ergänzt diese beständige Arbeit an einem geistigen Grundgerüst der neuen Kunst. Die Korrespondenz Van Goghs wurde gleich nach seinem Tod zusammengetragen und bereits 1893–95 publiziert, also vor den ersten Übersichtsausstellungen der Bilder. Sie stellt bis heute die weitreichendste und intensivste Künstlerkorrespondenz der Epoche der Moderne dar. Im Übrigen geht es um nichts als Kunst, in einer fantastischen Ausschließlichkeit.

Ein heutiger Künstler, der mehrfach in diesem Buch „Was kann Kunst“ vorkommt, besitzt die beste erreichbare wissenschaftliche Gesamtausgabe dieser Briefe, die sehr teuer ist. Diese sechsbändige Ausgabe war das Weihnachtsgeschenk seines amerikanischen Galeristen nach einem Jahr, in dem der Galerist besonders viel an dem betreffenden Künstler verdiente. Ohne dass man groß davon spricht, ist Van Gogh also immer noch eine eminente Referenz. Auch die neue „Fondation Vincent Van Gogh“, von einer der bedeutendsten privaten Sammlungen Europas in Arles eingerichtet, und zwar unter dem Namen, ist für diese heimliche Strahlkraft von Vincent van Gogh beispielhaft, während dieser, ähnlich wie Egon Schiele und Salvador Dali, oft noch als Künstler abgetan wird, für den man sich ja nur als Jugendlicher interessiere.

Eingang Fondation Vincent van Gogh in Arles (Foto: © Burkhard Maus)

Eingang Fondation Vincent van Gogh in Arles (Foto: © Burkhard Maus)

Van Goghs Korrespondenz ist im Taschenbuchformat und in Auswahlbänden leicht greifbar. Sie ist sicher das erste Buch, das ich einem Jugendlichen in die Hand drücken würde, der sich ernsthaft für bildende Kunst (Malerei, Fotografie, Video, Plastik) zu interessieren beginnt.

Eine besondere Eigenschaft der Briefe von Vincent van Gogh besteht darin, dass man sie nicht systematisch von A bis Z durcharbeiten muss. Auch wenn man sie irgendwo aufschlägt, hat man eine Stelle vor sich, mit der man direkt in die Kunst und ihre Fragen eintaucht, die zugleich als visionäre Ansätze der Bewältigung der Welt formuliert werden. Als Probe aufs Exempel habe ich das Exemplar aus meiner Studentenzeit an einer beliebigen Stelle geöffnet.

„Eine andere Gedankenreihe. Wenn man ein Farbmotiv komponiert, das z.B. einen gelben Abendhimmel darstellt, so wird das grelle und harte Weiß einer weißen Mauer vor dem Himmel buchstäblich und auf eigentümliche Weise durch das grelle Weiß und dasselbe, aber durch einen neutralen Ton gedämpfte Weiß zum Ausdruck gebracht. Denn der Himmel selbst gibt ihm einen zarten Lilaton. Auch in dieser so naiven Landschaft, welche uns eine vollständig weiß getünchte Hütte (auch das Dach) darstellen soll, die gewiss auf einem orangefarbenen Terrain steht, denn der südliche Himmel und das blaue Mittelländische Meer rufen ein umso intensiveres Orange hervor, je tiefere, kräftigere Töne die Skala der Blau aufweist, bewirkt die schwarze Note der Türe, der Fenster und des kleinen Kreuzes auf dem First einen simultanen Kontrast von Weiß und Schwarz, welcher für das Auge ganz ebenso wohlfühlend ist wie der von Blau und Orange. (…) Es genügt, dass Schwarz und Weiß auch Farben sind, oder besser dass sie in zahlreichen Fällen als Farben betrachtet werden können, denn ihr simultaner Kontrast ist ebenso reizvoll wie der von Grün und Rot zum Beispiel.“
(Vincent van Gogh aus Arles an seinen Malerkollegen Emile Bernard, Anfang 1889, zitiert nach: Van Gogh in seinen Briefen, hrsg.von Paul Nizon, Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch, 1977, S. 202).

Man befindet sich als Leser sogleich mitten in der Malerei. Das Bild bzw. seine Abbildung benötigt man eigentlich gar nicht mehr. Es entsteht durch Van Goghs Worte vor dem inneren Auge. Van Gogh diskutiert mit Emile Bernard neue Möglichkeiten des Umgangs mit Farben und dem Farbkreis, die sich beim Malen unter freiem Himmel, in der Landschaft und in Nahsicht des Motivs einstellten. Man spürt, dass das Bild kein Abklatsch der Wirklichkeit ist, sondern seine eigene Wirklichkeit, mit der man die Welt neu sieht.

Zimmer von Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise (Foto: Robert Fleck)

Zimmer von Vincent van Gogh in Auvers-sur-Oise (Foto: Robert Fleck)

Was liest man heute mit Gewinn über Vincent van Gogh?

Van Gogh wurde erst nach 1945 beim breiten Publikum populär, mit dem existentialistischen Lebensgefühl der Nachkriegszeit und parallel zum literarischen Werk von Franz Kafka. Seither haben Kunstgeschichte und Kunstsoziologie jedes Detail an seinem Oeuvre und seinem Leben durchleuchtet. Die Sekundärliteratur ist nur für Spezialisten überschaubar. Als biographische und kunsthistorische Einführung bietet sich der Band „van Gogh“ von Herbert Frank in den „rororo bildmonographien“ an, der 1976 erstmals erschien. Der Spielfilm von Maurice Pialat, „Les derniers jours de Van Gogh“ (Die letzten Tage Van Goghs“, Frankreich 1991), mit Jacques Dutronc in der Titelrolle, ist recht authentisch.

Was liest man sonst heute mit Gewinn über Vincent van Gogh? Im Fall dieses Künstlers sind die Autoren, die seiner eigenen Generation oder der darauf folgenden angehörten und über ihn nach seinem Ableben in Buchform schrieben, an einer Hand abzuzählen. Davon abgesehen, ist es sowohl sprachlich als auch vom Blick auf die Kunst her hochinteressant, Bücher von Autoren zur Hand zu nehmen, die noch nicht wussten, dass die Moderne sich als die Kunst des 20. Jahrhunderts durchsetzen würde. (Heute findet man diese alten Bücher, selbst in Originalausgaben, für ein paar Euro im Internet.)

Der wichtigste von ihnen war ein deutscher freischaffender Kunsthistoriker, Julius Meier-Graefe (1867–1935). Er legte aus seinen Paris-Aufenthalten heraus bereits 1904 die erste „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“ vor, die bis heute ein Standardwerk blieb. Da er mit dieser Spezialisierung damals keinen Lehrstuhl an einer deutschen Kunstakademie oder Universität erwarten konnte, verfasste er eine Reihe auch finanziell erfolgreicher Monographien über Renoir (1911), Corot (1912), Courbet (1912), Manet (1912) und nach dem Ersten Weltkrieg Cézanne (1918), Dégas (1920). Max Liebermann und Julius Meier-Graefe mochten einander nicht, haben aber gemeinsam Impressionismus und Postimpressionismus als Fundament der modernen Kunst in den deutschsprachigen Ländern durchgesetzt.

Meier-Graefes aus Primärmaterial verfasste Bücher über Van Gogh trugen ebenso zu seiner Legendenbildung wie zum Verständnis seines Werks bei. Sein „Vincent van Gogh. Der Roman eines Gottsuchers“, 1921 in Berlin erschienen, war bereits 1922 in der 7. Auflage. Die meisten späteren „Van Gogh“-Spielfilme, auch der legendäre „Vincent van Gogh — Ein Leben in Leidenschaft“ von Vincente Minelli mit Kirk Douglas in der Hauptrolle (USA 1956), beziehen sich auf diese Biographie. Sie ist aber die Lektüre wert.

„Was bedeutet für Cézanne, mit dem er sich den Einfluss auf die Gegenwart teilt, dieser Einfluss, das Stück Palette und Gerüst, das auf die vermeintlichen Nachfolger wirkte? Unter hundert Cézanne-Epigonen hängt ein echter Cézanne, und die anderen verschwinden spurlos, als hätten sie einen ganz anderen Menschen vor sich gesehen. Auch van Gogh haben die Nachfolger nicht erreicht, aber man ahnt, sie können eines Tages dahin kommen oder hätten dahin kommen können. Nicht das Gekringel allein erscheint erreichbar; auch das, was als Sonderheit aus seiner Norm herausfällt, was als letzte Glut, letzte Höhe unerschöpflich, unnachahmlich sein müsste.

Er hat nicht die Rundheit Renoirs, geschweige den Kosmos der Delacroix und Marées. Es gelang ihm die Fortsetzung einer Richtung. Er tauchte den Impressionismus der späteren Manet und Monet und ihres duldsamen Anhangs in ein härtendes Bad.

Wird das immer so wichtig erscheinen wie der Gegenwart? Es geht uns heute schon viel weniger an als vor zwanzig Jahren. Immer noch ist das Bild von Arles ein Trank von berauschender Würze. Man kann ihn nie schnell genug zum Mund führen, aber er gehört zu den Genüssen, die einmal ausgetrunken werden. Nie wird man mit dem Doppelklang Antike und Rembrandt in unserem Marées fertig, nie mit dem Poussin in Cézanne, nie mit dem Raffael in Delacroix, mit dem Renoir in Greco, mit der Statue in Renoir. Es sind undurchdringliche Bildungen. Das Ornament an der Oberfläche ist nur ein zufälliger Querschnitt durch ein Geäder, das sich in alle Tiefen fortsetzt und dort erst die ganze Wirksamkeit offenbart.

Van Gogh ist kein Wunder. Das Schöne, dass er es nie sein wollte, dass nicht die Spur einer Fiktion seine Einsicht in seine Grenzen trübte, dass seine Demut keins der hohen Rechte seines Verdienstes in Anspruch nahm. Seine Kunst sollte Brot und Wasser sein. Ein Handwerker von alter Holzschnitzerart stand ihr vor, und keiner der Alten hat das Werk mit reinerem Gewissen betrieben.

Vollendungen aller Art gab der arbeitsheiße Tag, nur nicht die Verwandlung von Wasser und Brot in den Heiligen Geist. Das Wunder hinderte der unverrückbare Umstand, dass es heute keine Gemeinde von Armen und Einfältigen gibt, der mit Kunst gedient wäre. Der geringste Anspruch barmender Menschenliebe führt in die Enge.“
(Julius Meier-Graefe, Vincent van Gogh. Der Roman eines Gottsuchers, zitiert nach der Ausgabe Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch 1959, S. 190 f.)

Antonin Artaud über Van Gogh

Im Dezember 1948 erschien im Verlag „éditions K“ in Paris das Buch „Van Gogh le Suicidé de la société“ („Van Gogh, der Selbstmörder der Gesellschaft“) von Antonin Artaud, einem begnadeten Schriftsteller, Zeichner und Schauspiele aus dem Umkreis der Surrealisten, der selbst von April 1938 bis Mai 1946 unter schrecklichen Umständen als angeblich geisteskrank interniert und im Mai 1948 an den Folgen der dabei erlittenen Elektroschocks verstorben war.

„Antonin Artaud jeune b SD“ von Agence de presse Meurisse? - Bibliothèque nationale de France. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

„Antonin Artaud jeune b SD“ von Agence de presse Meurisse? – Bibliothèque nationale de France. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons.

Artauds Buch über Van Gogh ist einer der aufrüttelndsten Texte über Kunst aus dem 20. Jahrhundert. Bereits in den fünfziger Jahren wurde es zu einer wesentlichen Anregung für Happenings und Aktionskunst.
(Antonin Artaud, „Vincent Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft“, Berlin: Matthes & Seitz 2009)

Artaud schrieb das Buch unter dem Eindruck der ersten großen Van Gogh-Retrospektive in Paris seit Jahrzehnten, die Anfang 1948 in der „Orangerie“ stattfand. Durch das gleiche Erlebnis angeregt, intensivierte er auch seine eigene zeichnerische Tätigkeit, die befremdliche Blätter mit Gesichtern in Formauflösung hervorbrachte. Zur ersten Ausstellung dieser Zeichnungen in der damals sehr bedeutenden Galerie Pierre im Juli 1947 verfasste er ein weniger bekanntes Vorwort mit dem Titel „Das menschliche Gesicht…“:

„Das menschliche Gesicht ist eine leere Kraft, ein Todesfeld. (…) / Das bedeutet, dass das menschliche Gesicht noch nicht sein Antlitz gefunden hat / und es dem Maler aufgetragen ist, ihm eines zu geben.

(…) / Und ich kenne keinen Maler in der Kunstgeschichte, von Holbein bis Ingres, dem es gelungen wäre, dieses Gesicht des Menschen zum Sprechen zu bringen. (…) Einzig Van Gogh gelang es, aus einem menschlichen Kopf ein Porträt zu gewinnen, das die explosive Rakete des Schlagens eines geplatzten Herzens ist. / Seines Herzens. /

Der Kopf Van Goghs mit dem Schlapphut macht alle Versuche abstrakter Malerei null und nichtig, die seit ich ihm und bis ans Ende der Zeiten unternommen werden können. / Denn dieses Gesicht eines gierigen Metzgers, wie mit einem Kanonenschuss auf die extreme Oberfläche der Leinwand geschleudert, / und das sich plötzlich angehalten findet / von einem leeren Auge, / und ins Innere umgewendet, / erschöpft alle noch so feinen Geheimnisse der abstrakten Welt, in der die ungegenständliche Malerei sich gefallen kann, / deshalb habe ich in den Porträts, die ich gezeichnet habe / in erster Linie vermieden, die Nase, den Mund, die Augen, die Ohren und die Haare zu vergessen, aber ich habe versucht, das Gesicht, das zu mir sprach / das Geheimnis / einer alten menschlichen Geschichte sagen zu lassen, die in den Köpfen von Ingres und Holbein als tot erscheint.“
(Antonin Artaud, Vorwort im Katalog seiner Ausstellung „Porträts und Zeichnungen“, Galerie Pierre, Paris, 4.—20. Juli 1947, in: ders., Oeuvres, Paris: Éditions Gallimard 2004, S. 1534)

Jean-Jacques Lebel, Installation Antonin Artaud — Das Arztzimmer (Detail), 2005 (© Burkhard Maus)

Jean-Jacques Lebel, Installation Antonin Artaud — Das Arztzimmer (Detail), 2005 (© Burkhard Maus)

Weblinks

Zu allem, was Vincent van Gogh und sein Werk betrifft:
http://www.vangoghmuseum.nl

Zu den letzten Wochen seiner Malerei in Auvers-sur-Oise:
http://www.auvers-sur-oise.com/heading/heading13691.html

Die 2014 gegründete Fondation Vincent van Gogh in Arles:
http://www.fondation-vincentvangogh-arles.org/

Unser Dank gilt besonders Guillaume Bruère, Jean-Jacques Lebel und Burkhard Maus!