Pablo Picasso

„Guernica“ und das Umfeld des Malers

„Ich machte also bei Lipp einige Fotos von Picasso beim Mittagessen, wie er auf der Lederbank saß, vor der Wand, die mit Keramiken von Léon-Paul Farge, einem Stammgast des Lokals, dekoriert waren. Währenddessen plauderte er mit Pierre Matisse, dem Sohn des Malers. Marcelin Cazes, der Chef des Hauses, beobachtete mein Tun etwas besorgt um die Ruhe seiner Gäste … . Wie so oft überquerte Picasso anschließend, von seinem Privatsekretär Jaime Sabartés begleitet, den Boulevard Saint-Germain, um im Café de Flore den Kaffee zu sich zu nehmen. Er hatte dort mehrere Rendez-vous, signierte Autographen, schrieb für eine Schriftstellerin aus Südamerika eine Widmung in seinen Grafikband, usw. Gegen 15 Uhr gingen wir endlich zum Atelier in der Rue des Grands-Augustins.

Diese Straße liegt in einem sehr alten Teil von Paris. Sie ist nach einem ehemaligen Kloster benannt, das 1791, während der Französischen Revolution, geschleift wurde. Sein Grundstück reichte bis zur Rue de Nevers, zur Rue Guénégaud und zur Rue Christine, wo nach 1900 Gertrude Stein lebte und Alice Toklas, ihre Lebensgefährtin, nach wie vor wohnte. Das kleine Stadtpalais am Eck der Straße zum Quai des Grands-Augustins stammt aus dem 15. Jahrhundert und beherbergte das Restaurant Lapérouse. Auf Nummer 7 der Rue des Grands-Augustins schloss daran der Herrensitz aus dem 17. Jahrhundert an, dessen beide oberste Geschoße Picasso seit 1937 als Atelier dienten. Den Raum kannte ich schon von früher. Der legendäre Theatermacher Jean-Louis Barrault hatte hier jahrelang seine Probebühne und ich war mehrfach im ‚Dachboden von Barrault’, wie man ihn nannte. Übrigens hat Barrault Picasso auf diesen leerstehenden und eigenartigen Raum aufmerksam gemacht. Picasso war sofort begeistert. Die Räumlichkeiten erinnerten ihn an das Bateau-Lavoir, das Atelier seiner Jugend auf Montmartre, dem er heimlich nachtrauerte. Doch waren sie weit größer und man hatte den Eindruck, sich im Inneren eines Schiffes zu befinden, mit seinen Verbindungsstegen, seinem Laderaum und der Kommandobrücke. Besonders gefiel ihm an dem Ort, dass Balzac seine Erzählung ‚Das unbekannte Meisterwerk’ hier angesiedelt hatte. Im damaligen Stadtpalais von Savoyen-Carignan ließ Balzac im 17. Jahrhundert die Begegnung des Malers Frenhofer mit den beiden Künstlerkollegen Francois Porbus und Nicolas Poussin stattfinden. In diesem Atelier entfernte sich Frenhofer immer mehr von der Darstellung des Sichtbaren, malte und zerstörte sein Meisterwerk und starb. Balzacs Beschreibung dieses Hauses mit seiner engen, dunklen Treppe ist verblüffend wirklichkeitsnahe. Picasso war von der Vorstellung stimuliert, den Platz des berühmten Frenhofer einzunehmen, um sein großes Bild für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung zu malen. Das war im Jahr 1937. So entstand am Ort des ‚Unbekannten Meisterwerks’ von Balzac ein sehr bekanntes Meisterwerk von Picasso, nämlich ‚Guernica’. Wo damals, vor zwei Jahren, die berühmte Leinwand hing, befand sich nun, als wir das Atelier betraten, ein fast ebenso großes Bild, ‚Frauen bei der Toilette’ (‚Femmes à leur toilette’).“
(Brassai, Gespräche mit Picasso (1964), Reinbek b. H: Rowohlt TB (1966) 1997; zitiert nach: ders., Conversations avec Picasso (1964), Paris: Gallimard 1986, S. 57f.; Übers. R.F.)

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Picassos Atelier in der Rue des Grands-Augustins (Foto: Robert Fleck)

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Der aus Transsylvanien stammende Fotograf und Schriftsteller Brassai (eig. Gyula Halász, 1899–1984) stand den Surrealisten nahe und wurde ab seiner Begegnung mit Picasso im Jahr 1939 bis zum Tod des Malers 1973 eine der wesentlichen Vertrauenspersonen sowie ein begnadeter Interpret seines Werks. Durch die Fotografien des Autors aus den Ateliers von Picasso, die seinen Bericht begleiten, sind Brassais Erinnerungen eines der lebendigsten Bücher über die moderne Kunst in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Im November 1943 meinte der surrealistische Dichter und Zeichner Henri Michaux (1899–1984) zu Brassai: „Ich verstehe, dass Picasso von Ihrer Fotografie des ‚Totenkopfes’ verblüfft war. Sie gibt der Skulptur eine neue Dimension. Ihre Vision hat sich auf das Objekt selbst übertragen… Man kann es nicht mehr mit dem gleichen Auge betrachten wie zuvor…“ (ebd. S. 95).

Nachbildung des Gemäldes in Form von Kacheln als Wandbild in Originalgröße in der Stadt Gernika.(„Mural del Gernika“ von Papamanila - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

Nachbildung des Gemäldes in Form von Kacheln als Wandbild in Originalgröße in der Stadt Gernika.
(„Mural del Gernika“ von Papamanila – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

Auch bei der Entstehung von „Guernica“ spielte die Fotografie eine wichtige Rolle. Dora Maar (1907–1997), die damalige Lebensgefährtin Picassos, war in Paris als Tochter eines kroatischen Architekten geboren, der in Wien studiert hatte, und entwickelte sich in den dreißiger Jahren zu einer der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Zeit. Neben den Fotografinnen Claude Cahun (1894–1954), Gisèle Freund (1908–2000) und Florence Henri (1893–1982), die gleichfalls in Paris lebten, sowie der Italienerin Tina Modotti (1896–1942), die über New York und Moskau nach Mexiko kam, erfand Dora Maar eine als Kunst konzipierte Fotografie, die sich zu einer bevorzugten Domäne von Künstlerinnen entwickeln sollte. Es gab hier keine (männliche) Vorgeschichte, und zum Anderen erlaubte die „Fotografie als Kunst“ eine Untersuchung weiblicher Identität, die eine der großen Menschheitsfragen des 20. Jahrhunderts aufwarf.

Dora Maar begleitete im Spätfrühjahr 1937 die Entstehung von „Guernica“ mit ihrer Kamera. Brassai schrieb 1964 anerkennend in seinen Erinnerungen: „Die Fotoserie, die Dora Maar von den verschiedenen Entstehungsphasen von ‚Guernica’ anfertigte, ist unbestritten ein wertvolles Zeugnis des kreativen Prozesses bei Picasso.“ (ebd., S. 56) Damals, 1964, war die Existenz der Fotos von Dora Maar aus der Entstehungsphase von „Guernica“, die zum privaten Gebrauch Picassos entstanden, noch nicht öffentlich bekannt. Heute gelten sie als ein frühes Beispiel eigenständiger fotografischer Kunst, in einer seriellen Auffassung, während die männlichen Kollegen von Dora Maar noch dem vollendeten Einzelbild nachjagten.

„Das unbekannte Meisterwerk“ (Le Chef-d’oeuvre inconnu) von Honoré de Balzac entstand 1831 und lässt vor diesem Hintergrund erahnen, wie sehr Picasso die Arbeit in jenem Atelier faszinierte, in dem Balzac die Erzählung spielen ließ. Die Schlüsselstelle zeigt Frenhofer als ein gescheitertes Genie, das aber möglicherweise auch die Zukunft vorbereitet.

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Honoré de Balzac (1842)“ von Louis-Auguste BissonParis Musées.
Lizenziert unter Public domain über
Wikimedia Commons.

„’Treten Sie ein, treten Sie ein’, sagte der Greis, vor Glück erstrahlend. ‚Mein Werk ist perfekt und ich kann es jetzt stolzerfüllt zeigen. Nie werden Maler, Pinsel, Farben, Leinwand und Licht gegen diese ‚Catherine Lescault’ aufkommen!’

Neugierig eilten Porbus und Poussin in die Mitte des staubbedeckten Ateliers, in dem alles in Unordnung war und Bilder in beliebiger Folge an der Wand hingen. Sie blieben zunächst vor einer weiblichen Figur in Körpergröße, einem Halbakt, ergriffen stehen.

‚Geben Sie sich doch nicht damit ab!’, rief Frenhofer. ‚Diese Leinwand habe ich bloß beschmiert, um eine Pose zu studieren. Malerisch ist das nichts wert. Das sind hier alles meine Irrtümer.’ Dabei verwies er auf bezaubernde Kompositionen, die an der Wand hingen.

Porbus und Poussin wunderten sich über diese Herablassung des Schöpfers gegenüber offensichtlichen Meisterwerken. Umso gespannter suchten sie das angekündigte Bild von ‚Catherine Lescault’.

‚Also gut’, sagte der Greis schließlich. ‚Hier ist es!’ (…)

Poussin fragte Porbus: ‚Erkennen Sie etwas?’

‚Nein. Und Sie?’

‚Ich erkenne gar nichts’, seufzte Poussin.“

(Honoré de Balzac, Das unbekannte Meisterwerk [Le chef-d’oeuvre inconnu], zit. nach der französischen Ausgabe Paris: Nathan 2012, S. 66f., Übers. R.F.)

Picasso hatte bereits 1931 im Auftrag des Kunsthändlers Ambroise Vollard das „Unbekannte Meisterwerk“ von Honoré de Balzac illustriert. Unter den grafischen Blättern findet sich ein sehr humorvolles Bild von Maler und Modell, auf dem der Maler, der die Züge Picassos trägt, ein abstraktes Bild als Linienknäuel malt (gleichsam ein Picasso-Gemälde ohne Augen und Nase), während das gegenüber sitzende Modell in jenem neoklassizistischen Stil dargestellt ist, den Picasso zwischen 1915 und 1925 gepflegt hatte. Das Modell strickt während der Porträtsitzung, und der Maler hat sich offensichtlich in das Wollknäuel verschaut und vergaß, dass er das Gesicht des Modells malen sollte. Es liegt auf der Hand, dass Picasso sich mit viel Selbstironie mit Balzacs Hauptfigur Frenhofer identifizierte. Auch Picassos Sinn für Situationskomik, der ihn Charlie Chaplin zur Seite stellt, kommt hier gut zum Ausdruck.
(Vgl. dazu: http://www.artfinding.com/images/svv/2/1412/pablo_picasso__peintre_et_modele_tricotant._h.-154-1.jpg; http://www.klinebooks.com/kline/images/items/37049_2.jpg)

Das Atelier, in dem „Guernica“ entstand, stand mehr als fünfzig Jahre leer, bis der Eigentümer des Gebäudes, der Berufsverband der Gerichtsvollzieher, im Jahr 2002 seine Nutzung mietfrei dem Staatlichen Verband für Kunsterziehung übertrug. Seither finden hier Ausstellungen, Konzerte und Lesungen statt. Im Frühjahr 2013 wurden Pläne bekannt, denen zufolge das ehemalige Atelier Picassos als gewöhnlicher Büroraum vermietet werden sollte. Dies scheiterte nach einem Einspruch vor Gericht und nach einer breiten Petitionskampagne von Künstlern und Kunstfreunden wurden die Räume im Mai 2014 unter Denkmalschutz gestellt. Wer sich unter der E-Mail-Adresse c.n.e.a@wanadoo.fr anmeldet, kann das Atelier zu Bürozeiten und während der Veranstaltungen besichtigen.
Eine Ansicht des heutigen Zustands: http://my-event.com/assets/location_attachments/attachments/71/original_atelier-picasso-2.jpg?1341014362

Literatur zu „Guernica“

  • http://www.museoreinasofia.es/en/collection/artwork/guernica
  • Rudolf Arnheim, Picassos Guernica. Entstehung eines Bildes (München 1964).
  • Guernica. Kunst und Politik am Beispiel „Guernica“: Picasso und der Spanische Bürgerkrieg. Eine Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) (Berlin 1975).
  • Max Imdahl, Picassos Guernica. Eine Kunst-Monographie (Frankfurt am Main: Insel TB 1985).
  • Guys Hensbergen, Guernica: Biographie eines Bildes (München: Siedler 2007).

Literatur zu Picasso